Schulbuch digital – zurück auf Anfang

Die Vision vom leeren Ranzen

Seit Jahren verfolge ich die Vision, dass unsere Schüler keine schweren Ranzen oder Schulrucksäcke mehr durch die Gegend schleppen müssen. Leichte Tablets oder eBook-Reader sind schon lange keine exotischen und teuren Spielzeuge mehr. Diese könnten heute schon alle Schulbücher und auch Schulhefter ersetzen.

Wenigstens bieten die großen Schulbuchverlage mittlerweile für alle neu aufgelegten Bücher ein digitales Pendant an. Es gibt zwar an unserer Schule die Idee, digitale Schulbücher verfügbar zu machen, jedoch gibt es aktuell noch keine schulweite und zentrale Logistik, um den Eltern die Bestellung von Schulbüchern zu ermöglichen.

Da ich in diesem Jahr wieder eine fünfte Klasse als Klassenlehrer betreue, habe ich mir vorgenommen, meinen Kindern wenigstens ein wenig Erleichterung zu verschaffen und habe den Eltern das Angebot unterbreitet, mich um digitale Schulbücher zu kümmern. Zur Erledigung von Hausaufgaben müssen die Bücher nicht mehr mit nach Hause genommen werden.

In der Elternschaft fand die Idee eine sehr große Resonanz. Die Hälfte der Eltern haben sich für den Kauf der eBooks entschieden. Durch dieses große Interesse hielten sich die zusätzlichen Kosten in erträglichem Rahmen. mehr dazu weiter unten.

Lotti ist erleichtert

Lotti (40 kg) mit vollem Schulrucksack (14 kg)

Fangen wir mal damit an, welcher Nutzen für die Kinder rüberkommt. Im günstigsten Fall können fünf bis sechs Bücher im Schließfach der Schule verbleiben. Das ist natürlich eine sehr optimistische Sichtweise, da ohnehin nicht alle Bücher jeden Tag hin- und herbewegt werden müssen. Lotti aus meiner Klasse hat sich dankenswerter für eine Vorher-/Nachhermessung bereitgestellt. Mit den Büchern für die Fächer Deutsch, Geschichte, Englisch, Biologie und Mathematik wog ihr Rucksack 14 kg.

Fast 5 kg kamen bei den Büchern, für die ein eBook verfügbar ist, auf die Waage. Ohne die Bücher wog der Rucksack nur noch 9 kg. Immer noch viel, aber schon erheblich weniger als mit Büchern.

Lotti tariert die Tafelwage aus. Fast 5 kg wurden gemessen.

Die zerklüftete digitale Schulbuchlandschaft

Nachfolgend versuche ich kurz die aktuelle Situation im digitalen Schulbuchmarkt zu schildern. Es gibt drei große Verlagsgruppen, von denen jede Verlagsgruppe ein eigenes Lizenzmodell hat. Jede Verlagsgruppe hat ihre eigene Umsetzung des digitalen Bücherregals und der softwaretechnischen Umsetzung des Buches.

Alle drei Verlagsgruppen bieten ihre digitalen Schulbücher zu stark vergünstigten Preisen an, wenn das herkömmliche Schulbuch als Klassensatz genutzt wird. Die Lizenzkosten sind je Schuljahr zu entrichten. Eine kostenlose Nutzung wie das bei einigen Verlagen früher möglich war, musste aus steuerrechtlichen Gründen verworfen werden.

In der nachfolgenden Tabelle habe ich einmalversucht, wichtige Informationen zu den einzelnen Verlagsgruppen zusammenzutragen.

KlettCornelsenWestermann-Gruppe
Lizenzmodell1 € je Buch5 € je Klasse1 € je Buch
Plattformhttp://www.klett.dehttp://www.scook.dehttp://www.bibox.de
kann Lehrer für Klasse bestellenjajaja
App auf Tablet verfügbarjajaja
App auf Smartphone?janein

Die Preisunterschiede für die PrintPlus-Lizenzen sind enorm. Für 28 Schüler bezahlt man bei Cornelsen 5 €, bei den anderen Verlagen 28 €.

Wie bei allen Dingen, die man das erste Mal macht, lief das Bestellen nicht ganz rund. Die beste Figur machte noch Cornelsen. Ich musste nur angeben, wie viele Schüler in der Klasse sind und innerhalb weniger Minuten bekam ich eine E-Mail mit den Lizenschlüsseln für alle Schüler.

Am umständlichsten ist der Bestell- und Lizensierungsvorgang bei der Westermann-Gruppe. Man musste erst Schüler-Accounts anlegenund konnte diesen dann auf eine umständliche Art die Lizenzen zuweisen. Auch die Software, die Westermann anbietet, stammt aus der Klamottenkiste. Flash steht schon seit langer Zeit auf der Abschussliste. Die Unterstützung der Bedienung mit Fingergesten ist lausig. Z.B. wird das Pinch-to-Zoom nicht unterstützt.

Übrigens hat keiner der Verlage beim Bestellvorgang nach einem Nachweis gefragt, dass man die gedruckten Bücher einsetzt.

Zusammenfassung

Der hohe Zeitaufwand zum Bestellen der digitalen Schulbücher hat sich gelohnt. Nicht nur für die Schüler, sondern auch für mich. Ich kenne nun exakt die einzelnen Lizenzmodelle, Bestell- und Freischaltvorgänge. Ich werde der Gesamtkonferenz empfehlen, die Bestellung digitaler Schulbücher als Option auf dem Schulbuchzettel mit vorzusehen.

Nach Aussage der Schulbuchverlage wird sich an der zersplitterten digitalen Schulbuchwelt auch in Zukunft nichts ändern. Für mich bleibt da nur die Vision der OER (Open Educational Ressources), die einen freien Zugang zu Unterrichtsmaterialien verheißen. Ein sehr gutes Beispiel findet man unter https://openupresources.org.

Kra (15.11.2018)


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